Als ich letztens in einem kleinen Café in Kolumbien saß, filmte ich mich beim Arbeiten. Als meine Bestellung kam – ein Stück Torte und eine heiße Schokolade – merkte ich wie unbändige Freude in mir hochstieg. Tränen glitzern in meinen Augen. Als ich mir heute Morgen das Video noch einmal anschaue, spüre ich diese Freude erneut.

Ich frage mich, warum dieser Moment so besonders war. Und merke, dass die Antwort einfach und gleichzeitig schmerzhaft ist. Sie führt mich zurück zu meiner Weltreise und zu einer Erkenntnis, die ich mir lange nicht eingestehen wollte. Dass ich über viele Jahre nicht wirklich mit meinem Körper im Reinen war. Und dass mich das gerade beim Reisen stark belastet hat.
In diesem Beitrag schreibe ich heute sehr offen darüber, womit ich lange gestruggelt habe und wie Reisen mir geholfen hat, meine Beziehung zu meinem Körper zu heilen.
Triggerwarnung: Es geht um Essverhalten und um meine persönlichen Erfahrungen damit. Ich teile das, weil ich in Gesprächen, besonders mit anderen Frauen, immer wieder höre, wie viele Ähnliches erleben und kaum darüber sprechen. Vielleicht schafft meine Geschichte etwas mehr Offenheit und Verbundenheit. Und vielleicht auch den Mut, sich Unterstützung zu holen, wenn es nötig ist.
Wie Reisen meinen Wunsch nach Kontrolle sichtbar machte
Ich bin ehrlich mit euch: Es gab Reisen, deren Qualität darunter litt, dass ich mit meinem Körper unzufrieden war. Innerlich kämpfte ich während des Reisens oft zwischen dem Wunsch, Essen zu genießen, und dem Drang, mich zu zügeln, um nicht aus der Form zu geraten.
Erst durch längere Reisen in den vergangenen zwei Jahren wurde mir klar, wie stark ich mein Essverhalten kontrollierte, um möglichst schlank zu sein. Wie schwer es mir fiel, meinen Körper wirklich anzunehmen. Ich merkte, dass Essen nicht nur Nahrung für mich war. Es war ein Spiegel meiner Beziehung zu mir selbst.
Dabei liebe ich Essen. Ich liebe es, Kulturen durch ihre Geschmäcker zu entdecken, mich in unbekannten Gerichten zu verlieren. Manchmal reise ich sogar an Orte nur wegen des Essens.
Trotzdem meldete sich immer wieder diese Stimme:
”Pass auf, sonst nimmst du zu.”
”Pass auf, das musst du wieder abnehmen.”
”Pass auf, sonst denken die Leute, du bist undiszipliniert.”
Und ja, so grausam, wie es klingt, fühlte es sich auch an. Vor allem, weil diese Stimme eine meiner größten Freuden überschattete.
Weltreise als Perspektivwechsel
Während der Weltreise begann sich das langsam von selbst zu wandeln. Ich konnte nicht vermeiden, dass ich zunahm.
Gleich zu Beginn in Japan fielen alte Routinen weg. Es gab kaum Platz für Bewegung, dafür aß ich Süßigkeiten. Mehrmals täglich. Und mindestens zwei bis drei Restaurantbesuche am Tag gehörten auch dazu. Genuss ohne Ausgleich. Mein inneres Alarmsystem sprang sofort an. Was passiert, wenn das so weitergeht? Wenn ich die Kontrolle verliere?

Mit jedem voranschreitenden Monat merkte ich, wie sich mein Körper veränderte und ich zunahm. Hosen wurden enger, Oberteile saßen anders. Alte Gedanken kamen zurück und mit ihnen Zweifel und Scham. Diese leise Frage, ob man weniger wert ist. Begleitet von dieser leisen Stimme, die fragt, ob man jetzt weniger wert ist. Das alles blieb nicht ohne kleine persönliche Krisen, weil es so viele lang verdrängte Emotionen hochholte. Ich musste mich fragen: Was kompensiere ich eigentlich mit meinem gedanklichen Körperideal? Und lasse ich jetzt endlich die Kontrolle los?
Ich ließ sie los.
Auf der Weltreise nahm ich sieben Kilogramm zu und während mich das anfangs stresste, merkte ich mit jedem Kilo mehr, dass es nichts über meinen Wert sagt. Die Freude am Moment wog mehr (man siehe allein das Bild).

Zurück in Deutschland nahm ich ganz von allein wieder ab. Jetzt auf meiner Reise durch Kolumbien und Mexiko nehme ich wieder zu. Ich weiß das, weil ich mich beim Paragliden wiegen musste und so viel wog wie seit acht Jahren nicht mehr.
Ich hatte in dem Moment ehrlich gesagt Angst. Vor meiner Reaktion und dem, was es in mir auslöst. Nach einem kurzen Schockmoment merkte ich Erleichterung. Denn es war mir egal.
Es war mir einfach egal.
In diesem Moment verstand ich, dass sich etwas in mir verändert hatte. Denn trotz der Kilos fühle ich mich schön und bestelle Torte mit heißer Schokolade und genieße sie.
Zum ersten Mal spüre ich Freiheit in meinem Körper. Manchmal schaue ich morgens in den Spiegel und frage mich, wie ich so lange glauben konnte, er sei nicht genug gewesen. Wie hart ich mit ihm gesprochen habe. Diese Klarheit ist befreiend und gleichzeitig schmerzhaft.

Doch das heißt nicht, dass das immer so ist. Auch während dieser Reise habe ich gemerkt, dass die Gedanken von früher und damit auch die Kontrolle ganz von allein zurückkommen. Der Unterschied ist, dass ich sie erkenne.
Deswegen möchte ich hier teilen, woran ich merke, dass ich in die Kontrolle rutsche:
- Ich kann mich kaum entscheiden, was ich essen möchte.
- Ich plane meinen Essrhythmus für den Tag im Voraus.
- Ich will zwanghaft Sport machen, obwohl es mir nicht gut tut.
- Ich fühle mich schlecht, wenn ich etwas vermeintlich Ungesundes bestelle.
- Ich sage innerlich ich muss oder ich darf statt ich will.
Und das hilft im Umgang damit:
- Bewusst genießen und langsam essen.
- Bewegung nur dann einbauen, wenn ich wirklich Lust darauf habe.
- Mich bei der Bestellung fragen, ob ich aus Freude oder aus Angst entscheide.
- Darauf vertrauen, dass meine Wahl des Essens richtig ist, auch wenn ich unsicher bin.
- Gedanken der Kontrolle beobachten, statt sie wegzudrücken.
- Rituale pflegen, in denen ich liebevoll mit mir spreche.
- Unvorteilhafte Spiegel vermeiden oder bewusst wählen.
- Mich mit Menschen umgeben, die ein gesundes Verhältnis zu Essen und Körper haben.
- Dankbarkeit für meinen Körper üben.
- Mit meiner Therapeutin darüber sprechen.
- Meditationen oder Mantren hören, die mich an meinen Wert erinnern.
- Meinen Hunger ernst nehmen als etwas, dass mir Energie gibt (nicht essen, raubt Energie!!)
Was bleibt
Reisen lehrt uns nicht nur etwas über Länder oder Kulturen. Es zeigt uns unsere eigene Beziehung zu unserem Körper. Manchmal braucht es ein Stück Kuchen in einem kleinen Café, um zu verstehen, dass nichts davon unseren Wert bestimmt.
Denn was ich auf Reisen auch gelernt habe: Es ist nicht unser Äußeres, das Menschen tief berührt, sondern unsere Freude, unsere Energie und unsere Begeisterung fürs Leben.